Kein Küsschen für Erpressung

Kinder stark machen, Tabus aufbrechen, über Hilfsmöglichkeiten zu informieren und Pädagogen Anregungen bieten, mit den Kindern die richtigen Worte zu finden, über sexuellen Missbrauch zu sprechen - das sind die Ziele des Theaterstücks »Hau ab!«, das der Sozial-, Theater- und Präventionspädagoge Dirk Bayer entwickelt hat. Dem fünften Jahrgang der Löns-Realschule bot er damit ein wertvolles Theatererlebnis, das den Schülern viel Spaß bereitet hat – denn sie wurden einbezogen.

Während Bayer gekonnt in verschiedene Rollen schlüpfte, verkörperte Selina Früchtl die Annemarie, die als junges Mädchen Grenzüberschreitungen von Familienmitgliedern oder »bösen Fremden« erleben muss. Zunächst sensibilisierten die beiden Schauspieler mit ihren Szenen die Kinder dazu, auf ihr inneres Gefühl zu achten. »Man muss nicht mit jedem reden, der einen anquatscht.« Wenn man höflich sein will, dann sollte man aber auf den passenden Abstand achten - zwei Armlängen und ein bisschen sei eine gute Distanz.

Dass man auf gar keinen Fall zu Fremden ins Auto steigt, war allen klar. »Hilfe« oder »Feuer« zu schreien, sei aber keine ganz gute Idee, machte Bayer deutlich. Ein Hilferuf drücke zudem aus, das man schwach sei. Besser sei es, laut »Hau ab!« zu schreien, denn das sei eine klare Ansage. 

Hat man sich aus der Situation befreit, solle man sich Hilfe holen, also »nix wie wegrennen« und Menschen auf dem Bürgersteig, in Geschäften oder in Häusern um Hilfe bitten. In kleinen Theaterszenen wurden die verschiedenen Schritte mit den Schülern immer wieder eingeübt. 

Nu im Notfall dürfe man sich auch körperlich zur Wehr setzen: dann kann man mit Hand oder Faust in Gesicht, an den Hals oder in den Unterleib schlagen, vors Schienenbein treten oder den Ellbogen in den Unterleib stoßen. Zweck sei, dass der Täter einen Schreck bekomme und das Opfer loslasse. Eine an andere Möglichkeit sei es, sich fallen zu lassen und um sich zu schlagen, sagte Bayer.

Der Theaterpädagoge appellierte an die Schüler, auf die Umgebung zu achten und nicht nur aufs Handy zu starren. Nur dann merke man, wenn etwas passiert oder sich Gefahr nähere. 

Wichtig sei es, auf das innere Gefühl zu achten. Das stelle sich sofort ein. Und wenn die Situation  unangenehm sei, dann müsse man sich zu nichts überreden lasen. Wenn einem ein Geschenk angeboten werde nur mit einer Gegenleistung, dann sei das Erpressung: »Kein Küsschen für Erpressung«. Jeder dürfe eigene Entscheidungen treffen und selbstbestimmt sein.

Könne man sich der Übergriffe nicht erwehren, dann sollte man sich Hilfe holen – bei den Eltern, dem Lieblingsmenschen, der Schulsoziarbeiterin Meike Frauendorf oder den Lehrern. Das Opfer, unterstrichen Bayer und Früchtl in ihrem Spiel, sei nie schuld.

Die Verhaltenweisen Abstand halten, »Hau ab!« rufen, wegrennen, Hilfe holen, mit dem Lieblingsmenschen sprechen und auf das innere Gefühl zu hören, sollen die Schüler auf ein Plakat schreien und das in ihrem Klassenzimmer platzieren. Ergänzt wird das Plakat durch die »Nummer gegen Kummer« 116111 , unter der man sich kostenlos Rat holen kann. 

Mit ihrem interaktivem Spiel ist es Bayer und Früchtl gelungen, die Schüler zu sensibilisieren und gleichzeitig Handlungskompetenzen zu fördern. Durch emotionale Ansprache und Identifikation mit den Bühnenfiguren wurden Lernprozesse angestoßen. Und das interaktive Format stärkt das Selbstbewusstsein, die Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, Grenzen zu setzen und Hilfe zu holen. 

Dirk Bayer und Selina Früchtl führen ihre Szenen in den Jahrgangsstufen 5, 6 und 9 auf, neben »Hau ab!« zeigen sie »Gewalt - (k)ein Thema« und »Respect«. Möglich ist das durch die finanzielle Unterstützung durch den Förderverein der Löns-Realschule und den Verein FIPS. Bayer freute sich, dass einige der Schüler das sich immer wieder leicht verändernde Stück bereits aus der Grundschule kannten und so darauf aufgebaut werden konnte. sts

 
 

Selbstbewusst sollen Kinder Nein sagen: In interaktiven Szenen übten die Schüler mit Dirk Bayer und Selina Früchtl, eigene Entscheidungen zu treffen und umzusetzen.

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Veröffentlichung

Do, 28. August 2025

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